Dezibel und Pegel

Die Funktechnik rechnet nicht in Watt, sondern in Dezibel. Der Grund ist praktisch: Über eine Funkstrecke fällt die Leistung um zwölf Größenordnungen und mehr, und in der logarithmischen Darstellung wird aus jeder Multiplikation eine Addition. Dieses Kapitel erklärt 10·log und 20·log, die gebräuchlichen Bezugspegel und die Fallstricke.

Quellen: ITU-R V.574-5, IEC 60027-3, IEEE Std 100

Lernziele

  • begründen, warum Pegel logarithmisch angegeben werden
  • 10·log₁₀ für Leistungen und 20·log₁₀ für Spannungen und Feldstärken richtig einsetzen
  • dB, dBm, dBW, dBµV, dBi, dBd und dBc auseinanderhalten
  • die 3-dB- und 10-dB-Merkregeln im Kopf anwenden
  • einen Pegelplan als Kettenrechnung aufstellen
  • die typischen Fehler erkennen — allen voran die Addition zweier dBm-Werte

Warum logarithmisch? #

Ein Sender liefert vielleicht 10 W, am Empfänger kommen 0,000 000 000 001 W an. Zwischen beiden liegen zwölf Zehnerpotenzen. Solche Zahlen sind weder les- noch rechenbar. Das Dezibel löst gleich drei Probleme auf einmal: Es macht den Zahlenbereich handhabbar, es verwandelt Multiplikationen in Additionen, und es entspricht der Empfindung — das Ohr wie das Auge bewerten Reize annähernd logarithmisch.

a
Pegelmaß (Gewinn positiv, Dämpfung negativ)in dB
P₂/P₁
Verhältnis zweier Leistungenin —
Leistungsverhältnis in Dezibel

Was das in der Darstellung ausmacht, zeigen die beiden Achsen im folgenden Widget: Derselbe Marker macht zweimal denselben Schritt — auf der linearen Achse einmal unsichtbar klein und einmal über die ganze Breite, auf der Dezibel-Achse zweimal als gerade Strecke.

Linear oder logarithmisch

Faktoren und Pegel des Widgets
Faktor A100 = 20,00 dB
Faktor B1.000 = 30,00 dB
Produkt A·B100.000 = 50,00 dB
Probe20,00 + 30,00 = 50,00 dB
100 = 20,0 dB
1.000 = 30,0 dB
Produkt A·B

100.000

linear: multiplizieren

Summe der Pegel

50,00 dB

20,0 dB + 30,0 dB

Lage von A auf der linearen Achse

0,10%

der Achsenlänge — deshalb ist sie unbrauchbar

Der Marker macht zweimal denselben Schritt: erst den Faktor A, dann den Faktor B. Auf der Dezibel-Achse sind beide Schritte gerade Strecken — Multiplikation wird zur Addition.

10·log oder 20·log? #

Der Faktor hängt davon ab, ob eine Leistungsgröße oder eine Feldgröße im Spiel ist — nicht davon, was man gerade erreichen will.

Leistung, Energie und Leistungsdichte sind Leistungsgrößen; sie werden mit 10·log₁₀ gerechnet. Spannung, Strom, elektrische und magnetische Feldstärke sind Feldgrößen; weil die Leistung mit ihrem Quadrat geht (P = U²/Z), erscheint der Faktor 2 aus dem Logarithmus des Quadrats — also 20·log₁₀.

Spannungs- und Feldstärkeverhältnis
Merkregeln: Dezibel, Leistungsfaktor und Spannungsfaktor
PegelLeistung ändert sich umSpannung/Feldstärke ändert sich um
0 dB1,000 ×1,000 ×
+1 dB1,259 ×1,122 ×
+3 dB1,995 ×1,413 ×
+6 dB3,981 ×1,995 ×
+10 dB10,000 ×3,162 ×
+20 dB100,000 ×10,000 ×
+30 dB1.000,000 ×31,623 ×
-3 dB1 / 1,9951 / 1,413
-10 dB1 / 10,0001 / 3,162
-20 dB1 / 100,0001 / 10,000
  • 3 dB = doppelte Leistung. Zweimal 3 dB (also 6 dB) = vierfache Leistung.
  • 10 dB = zehnfache Leistung. Dreimal 10 dB (also 30 dB) = tausendfache Leistung.
  • 6 dB = doppelte Feldstärke oder Spannung — deshalb kostet die doppelte Entfernung im Freiraum genau 6 dB.
  • Alles dazwischen setzt man zusammen: 13 dB = 10 dB + 3 dB = Faktor 20 in der Leistung.

Absolute Pegel: dBm, dBW, dBµV und die Antennenmaße #

Ein reines dB ist ein Verhältnis. Erst der angehängte Buchstabe nennt die Bezugsgröße und macht daraus einen absoluten Wert.

dB
Reines Verhältnis, etwa ein Gewinn oder eine Dämpfung. Kein absoluter Wert.
dBm
Leistungspegel bezogen auf 1 mW. 1 W = 30 dBm, 1 mW = 0 dBm, 1 µW = −30 dBm.
dBW
Leistungspegel bezogen auf 1 W. Immer 30 dB kleiner als der dBm-Wert.
dBµV
Spannungspegel bezogen auf 1 µV. An 50 Ω gilt dBµV = dBm + 106,99.
dBµV/m
Feldstärkepegel bezogen auf 1 µV/m — die übliche Einheit in Feldstärkemessungen und Rundfunkversorgungsplänen.
dBi
Antennengewinn bezogen auf den isotropen Kugelstrahler. Der Bezugswert der Funkplanung.
dBd
Antennengewinn bezogen auf den Halbwellendipol. dBi = dBd + 2,15, weil der Dipol selbst schon 2,15 dBi hat.
dBc
Pegel bezogen auf den Träger (carrier) — üblich für Nebenaussendungen, Oberwellen und Phasenrauschen.

Kettenrechnung und Pegelplan #

In der logarithmischen Welt ist eine Übertragungsstrecke eine einfache Summe: Startpegel plus alle Gewinne minus alle Verluste.

Dezibel-Spielplatz

Pegel nach jeder Stufe der Kette
StufeBeitragPegel danach
Sendeleistung (dBm)20 dB20,0 dBm
Kabelverlust-3 dB17,0 dBm
Sendeantenne12 dB29,0 dBm
Freiraumdämpfung-100 dB-71,0 dBm
Empfangsantenne12 dB-59,0 dBm
+3,0 dB

Kettenrechnung (Mini-Link-Budget)

+20 dB
-3 dB
+12 dB
-100 dB
+12 dB
Leistungsfaktor 10^(dB/10)

1,995

+3,0 dB

Spannungsfaktor 10^(dB/20)

1,413

Empfangspegel der Kette

-59,0dBm

über typischer Empfindlichkeit -90 dBm

Leistung: dB = 10·log₁₀(P₂/P₁). Spannung: dB = 20·log₁₀(U₂/U₁). Absolutpegel dBm beziehen sich auf 1 mW; in der Kette werden dB einfach addiert.

P_rx
Empfangspegelin dBm
P_tx
Sendeleistungin dBm
G
Antennengewinnein dBi
L_ges
Summe aller Verluste (Kabel, Strecke, Stecker)in dB
Pegelplan als Summe
Beispiel-Pegelplan einer kurzen Richtfunkstrecke
StufeBeitragPegel danach
Sender (1 W)+30,0 dB30,0 dBm
Speisekabel Sender-2,5 dB27,5 dBm
Sendeantenne+18,0 dB45,5 dBm
Freiraumdämpfung-110,0 dB-64,5 dBm
Empfangsantenne+18,0 dB-46,5 dBm
Speisekabel Empfänger-2,5 dB-49,0 dBm

Am Ende der Kette stehen -49,0 dBm, also 0,01 μW oder 58,0 dBµV an 50 Ω. Aus einer Multiplikation über zwölf Zehnerpotenzen ist eine Addition von sechs Zahlen geworden — und man sieht auf einen Blick, welche Stufe den größten Beitrag liefert. Genau so arbeitet der Link-Budget-Rechner.

Typische Fehler #

  • Falscher Faktor: 20·log auf eine Leistung angewandt verdoppelt den Pegel. Faustregel: Watt → 10·log, Volt und V/m → 20·log.
  • Bezug vergessen: „−100 dB Empfindlichkeit" ist keine Angabe; gemeint sind fast immer −100 dBm.
  • dBi und dBd verwechselt: kostet oder schenkt pauschal 2,15 dB.
  • Vorzeichen der Dämpfung: Eine Kabeldämpfung von 3 dB ist ein Beitrag von −3 dB in der Kette. Beides doppelt abgezogen ergibt 6 dB Fehler.
  • Effektivwert und Spitzenwert: dBµV bezieht sich auf den Effektivwert; Spitzenwerte liegen bei sinusförmigen Signalen 3 dB höher.
Verständnisfrage: Ein Verstärker hat 20 dB Gewinn, das nachfolgende Kabel 6 dB Dämpfung. Wie viel Leistung kommt hinten an, wenn vorne 1 mW anliegt?

0 dBm + 20 dB − 6 dB = +14 dBm. Das entspricht dem Faktor 10^(14/10) ≈ 25, also rund 25 mW. In Watt gerechnet: 1 mW · 100 / 4 = 25 mW — dieselbe Zahl, nur mühsamer.

Selbst nachrechnen #

Quellen

  • ITU-R V.574-5 — Gebrauch des Dezibels und des Nepers in der Fernmeldetechnik.
  • IEC 60027-3 — Logarithmische Größen und Einheiten, Leistungs- und Feldgrößen.
  • IEEE Std 100 — Definitionen zu dBm, dBW, dBµV, dBi, dBd und dBc.
  • Meinke, H.; Gundlach, F. W.: Taschenbuch der Hochfrequenztechnik — Pegelrechnung und Pegelpläne.