Elektromagnetische Wellen

Jede Funkübertragung beginnt mit einer elektromagnetischen Welle: einem elektrischen und einem magnetischen Feld, die einander erzeugen und gemeinsam durch den Raum laufen. Dieses Kapitel klärt Wellenlänge und Periodendauer, den Unterschied zwischen Nah- und Fernfeld, die Polarisation und die Frage, warum Funkwellen nicht ionisierend sind.

Quellen: Meinke/Gundlach, Pozar, IEEE Std 145, CODATA 2018

Lernziele

  • beschreiben, wie E-Feld, H-Feld und Ausbreitungsrichtung zueinander stehen
  • Wellenlänge und Periodendauer aus der Frequenz berechnen
  • reaktives Nahfeld, Übergangszone und Fernfeld voneinander abgrenzen
  • lineare und zirkulare Polarisation unterscheiden und Polarisationsverluste abschätzen
  • Leistungsdichte und Feldstärke über den Feldwellenwiderstand ineinander umrechnen
  • begründen, warum Funkwellen zur nichtionisierenden Strahlung zählen

Was eine elektromagnetische Welle ist #

Ein sich änderndes elektrisches Feld erzeugt ein magnetisches und umgekehrt — dieses Wechselspiel löst sich von der Antenne und läuft als Welle davon.

Ein Wechselstrom in einem Leiter baut um sich ein elektrisches Feld (Formelzeichen E, Einheit V/m) und ein magnetisches Feld (H, Einheit A/m) auf. Weil beide Felder sich zeitlich ändern, erzeugen sie einander gegenseitig immer wieder neu. In hinreichendem Abstand von der Antenne braucht dieser Vorgang den Leiter nicht mehr: Die Felder haben sich abgelöst und laufen mit Lichtgeschwindigkeit als freie Welle davon.

  • E-Feld und H-Feld stehen senkrecht aufeinander.
  • Beide stehen senkrecht auf der Ausbreitungsrichtung — die Welle ist transversal.
  • E, H und die Ausbreitungsrichtung bilden in dieser Reihenfolge ein Rechtssystem.
  • Im freien Raum sind beide Felder in Phase; ihre Amplituden hängen über den Feldwellenwiderstand zusammen.

E-Feld, H-Feld und Polarisation

Aktuelle Werte des Wellen-Widgets
Frequenz100,00 MHz
Wellenlänge2,998 m
Periodendauer10,00 ns
Photonenenergie4.14e-7 eV
Strahlungsartnicht ionisierend
Polarisationlinear vertikal
Reaktives Nahfeld bis0,477 m
Fernfeld ab (2·D²/λ)0,96 m
100,00 MHz
1,20 m
Wellenlänge λ = c/f

2,998 m

Periodendauer T = 1/f

10,00 ns

Photonenenergie E = h·f

4.14e-7 eV

nicht ionisierend

Fernfeld ab 2·D²/λ

0,96 m

Nahfeld bis λ/2π = 0,477 m

Animation stark verlangsamt; die Feldamplituden sind normiert (H = E / Z₀). Die Zahl der gezeigten Wellenzüge wächst logarithmisch mit der Frequenz — den wahren Maßstab nennt die Länge des Ausschnitts.

Wellenlänge, Periodendauer und Ausbreitungsgeschwindigkeit #

Frequenz und Wellenlänge sind zwei Namen für dieselbe Eigenschaft — verknüpft über die Lichtgeschwindigkeit.

λ
Wellenlängein m
c
Lichtgeschwindigkeit im Vakuum (exakt 299 792 458 m/s)in m/s
f
Frequenzin Hz
Wellenlänge im Vakuum
T
Dauer einer vollen Schwingungin s
f
Frequenzin Hz
Periodendauer

Bei 100 MHz — mitten im UKW-Rundfunkband — sind das 3 m Wellenlänge und 10,00 ns Periodendauer. In der Zeit einer Schwingung legt die Welle also genau eine Wellenlänge zurück. In Materie sinkt die Ausbreitungsgeschwindigkeit um den Faktor √εᵣ, und mit ihr die Wellenlänge; die Frequenz bleibt dieselbe.

Wellenlänge, Periodendauer und Photonenenergie ausgewählter Frequenzen
FrequenzWellenlänge λPeriodendauer TPhotonenenergie E = h·f
153 kHz1,959 km6,54 µs6.33e-10 eV
100,0 MHz2,998 m10,00 ns4.14e-7 eV
900,0 MHz33,310 cm1,11 ns3.72e-6 eV
2,4 GHz12,491 cm416,67 ps9.93e-6 eV
10,0 GHz2,998 cm100,00 ps4.14e-5 eV
500,0 THz599,585 nm2,00 fs2,068 eV

Nahfeld und Fernfeld #

Erst in einigem Abstand von der Antenne verhält sich das Feld wie eine saubere ebene Welle — vorher gelten andere Regeln.

Reaktives Nahfeld
bis etwa λ/2π (bei 100 MHz also 0,48 m). Energie pendelt zwischen Antenne und Feld hin und her, statt abgestrahlt zu werden. Ein Messgerät verändert hier das Feld, das es messen soll.
Übergangszone (Fresnel-Zone)
dazwischen. Die Feldverteilung hängt noch vom Abstand ab, das Richtdiagramm ist noch nicht ausgebildet.
Fernfeld (Fraunhofer-Zone)
ab 2·D²/λ, wobei D die größte Abmessung der Antenne ist. Erst hier fällt die Leistungsdichte sauber mit 1/d² und das Richtdiagramm ist unabhängig vom Abstand.
d_ff
Beginn des Fernfeldsin m
D
Größte Abmessung der Antennein m
λ
Wellenlängein m
Fernfeldgrenze einer Apertur

Wo die Grenzen im Einzelfall liegen, hängt allein von Frequenz und Antennengröße ab. Das folgende Diagramm trägt die drei Zonen auf einer logarithmischen Abstandsachse auf — der Marker sagt, in welcher Zone ein Beobachtungspunkt liegt.

Nahfeld, Übergangszone und Fernfeld

Zonengrenzen der Antenne bei den eingestellten Werten
Frequenz2,40 GHz
Wellenlänge λ12,491 cm
Aperturdurchmesser D0,60 m
D in Wellenlängen4,80 λ
λ/2π0,020 m
0,62·√(D³/λ)0,815 m
Fernfeld ab 2·D²/λ5,76 m
Beobachtungsabstand d5,00 m
Zone bei dstrahlendes Nahfeld (Fresnel-Zone)
2,40 GHz
0,60 m
5,00 m
Zone bei d

strahlendes Nahfeld (Fresnel-Zone)

Fernfeld ab 2·D²/λ

5,76 m

Apertur groß gegen λ — Näherung gültig

Reaktive Grenze

0,815 m

größerer Wert aus λ/2π und 0,62·√(D³/λ)

Wellenlänge λ = c/f

12,491 cm

Die Kreise links sind schematisch und nicht maßstäblich; maßgeblich ist die logarithmische Achse. Grenzen nach Balanis, Antenna Theory, Abschnitt 2.2.4.

Polarisation #

Die Polarisation beschreibt, in welche Richtung der E-Vektor zeigt — und entscheidet mit darüber, wie viel Leistung am Empfänger ankommt.

  • Linear vertikal

    V · senkrechter E-Vektor

    Übliche Wahl bei Bodenwellenausbreitung, Mobilfunk und Rundstrahlantennen; der leitende Boden würde ein horizontales Feld kurzschließen.

    Typisch
    MW/LW, PMR, Mobilfunk
  • Linear horizontal

    H · waagerechter E-Vektor

    Übliche Wahl bei UKW- und Fernsehantennen sowie bei Yagi-Antennen auf Richtfunkstrecken.

    Typisch
    UKW-Rundfunk, TV, Yagi
  • Zirkular rechtsdrehend

    RHCP

    Der E-Vektor rotiert im Uhrzeigersinn, von der Antenne aus gesehen. Die Ausrichtung der Empfangsantenne spielt keine Rolle mehr.

    Typisch
    GNSS, Satellitenfunk
  • Zirkular linksdrehend

    LHCP

    Gegensinnige Drehrichtung. Zwei Satelliten können damit dieselbe Frequenz nutzen, ohne sich zu stören.

    Typisch
    Transponder-Doppelbelegung
Polarisationsverlust zwischen Sende- und Empfangsantenne (Richtwerte)
SendeantenneEmpfangsantenneVerlust
linear vertikallinear vertikal0 dB
linear vertikallinear um 45° verdreht3,0 dB
linear vertikallinear horizontal> 20 dB
linear (beliebig)zirkular (beliebig)3,01 dB
RHCPRHCP0 dB
RHCPLHCP> 20 dB

Zwei linear polarisierte Antennen verlieren bei einer Verdrehung um den Winkel α den Faktor cos²α an Leistung, also −20·log₁₀(cos α) in Dezibel. Bei 90° ist der Verlust theoretisch unendlich; reale Antennen erreichen eine Kreuzpolarisationsentkopplung von 20 bis 30 dB. Der Übergang linear ↔ zirkular kostet dagegen immer 3,01 dB — die Hälfte der Leistung steckt in der falschen Komponente und lässt sich nicht zurückholen.

Wie steil der Verlust mit dem Winkel wächst, zeigt das folgende Widget: Bis 30° bleibt er unter 1,3 dB, bei 45° sind es genau 3 dB, und ab 80° wird es schnell dramatisch.

Polarisationsverlust bei Verdrehung

Polarisationsverlust bei den eingestellten Werten
Empfangsantennelinear, verdreht
Verdrehungswinkel α30°
Feldanteil cos α0,866
Leistungsanteil cos²α75,0 %
Verlust1,25 dB
30°
Polarisationsverlust

1,25 dB

L = −10·log₁₀(cos²α)

Ankommende Leistung

75,0%

Rest steckt in der falschen Komponente

Feldanteil cos α

0,866

Bei 90° ist der Verlust theoretisch unendlich; reale Antennen erreichen 20 bis 30 dB Kreuzpolarisationsentkopplung — die Kurve ist deshalb bei 20 dB gedeckelt (IEEE Std 145).

Feldwellenwiderstand und Leistungsdichte #

Im freien Raum stehen E-Feld und H-Feld in einem festen Verhältnis — dem Feldwellenwiderstand Z₀.

Z₀
Feldwellenwiderstand des Vakuumsin Ω
E
Elektrische Feldstärkein V/m
H
Magnetische Feldstärkein A/m
Feldwellenwiderstand des freien Raums

Der genaue Wert beträgt 376,73 Ω (CODATA 2018); in der Praxis rechnet man mit 377 Ω oder 120π Ω. Weil E und H fest gekoppelt sind, genügt eine der beiden Größen, um das Feld zu beschreiben — Feldstärkemessgeräte geben deshalb fast immer nur E in V/m oder dBµV/m an.

S
Leistungsdichtein W/m²
E
Elektrische Feldstärke (Effektivwert)in V/m
Z₀
Feldwellenwiderstandin Ω
Leistungsdichte der ebenen Welle

Photonenenergie: ionisierend oder nicht? #

Dieselbe Welle lässt sich als Strom von Photonen beschreiben; ihre Energie entscheidet über die biologische Wirkung.

E
Energie eines Photonsin J bzw. eV
h
Plancksches Wirkungsquantum (6,626·10⁻³⁴ J·s)in J·s
f
Frequenzin Hz
Photonenenergie

Um ein Atom zu ionisieren, muss ein einzelnes Photon ein Elektron aus seiner Bindung lösen. Die Grenze liegt konventionell bei 100 nm Wellenlänge, also 2.997,92 THz beziehungsweise 12,398 eV — im fernen Ultraviolett. Alles darunter, vom Längstwellensender bis zum sichtbaren Licht, ist nichtionisierende Strahlung. Ein Photon bei 100 MHz trägt 4.14e-7 eV — rund sieben Größenordnungen zu wenig.

Einordnung im Spektrum #

Funkwellen, Wärmestrahlung, sichtbares Licht und Röntgenstrahlung unterscheiden sich physikalisch nur in der Frequenz — es sind dieselben Wellen. Die Bandnamen (ELF bis THF nach ITU, L bis W nach IEEE, A bis O nach NATO) sind reine Verabredungen über Frequenzbereiche.

Quellen

  • Meinke, H.; Gundlach, F. W.: Taschenbuch der Hochfrequenztechnik — ebene Welle, Feldwellenwiderstand, Nah- und Fernfeld.
  • Pozar, D. M.: Microwave Engineering — Wellengleichung, Polarisation, Polarisationsverlustfaktor.
  • IEEE Std 145 / IEEE Std 100 — Definitionen zu Polarisation, RHCP/LHCP und Kreuzpolarisation.
  • CODATA 2018 (NIST) — c, h, ε₀, µ₀ und Z₀ = 376,730 313 668 Ω.
  • ICNIRP-Leitlinien — Abgrenzung der nichtionisierenden Strahlung bei 100 nm.