Leistung, EIRP und Feldstärke

Zwischen der Angabe auf dem Typenschild eines Senders und dem, was ein Messgerät in 100 m Entfernung anzeigt, liegen mehrere Rechenschritte: Antennengewinn, Bezugsgröße, Abstandsgesetz und die Umrechnung zwischen Leistungsdichte und Feldstärke. Dieses Kapitel geht den Weg von der Sendeleistung bis zur Empfangsleistung durch.

Quellen: Meinke/Gundlach, Pozar, IEEE Std 100, ITU-R V.574-5

Lernziele

  • EIRP und ERP berechnen und den Unterschied von 2,15 dB begründen
  • die Leistungsdichte im Abstand d aus dem EIRP bestimmen
  • aus der Leistungsdichte die Feldstärke in V/m und in dBµV/m ableiten
  • die Empfangsleistung über die Wirkfläche der Antenne bestimmen
  • einordnen, wozu die Grenzwerte des Personenschutzes dienen
  • die Größen im Link-Budget wiedererkennen

Sendeleistung — welche eigentlich? #

Die Angabe „10 Watt" ist mehrdeutig. Gemeint sein kann die Leistungsaufnahme aus dem Netz, die Ausgangsleistung der Endstufe oder die tatsächlich am Antennenfußpunkt ankommende Leistung. Für alles Weitere zählt nur die letzte: die Speiseleistung an der Antenne, also die Senderausgangsleistung abzüglich Kabel-, Stecker- und Weichenverlusten.

  • Bei Schmalbandsystemen ist die Trägerleistung gemeint, bei Impulssystemen unterscheidet man Impuls- und mittlere Leistung.
  • Bei SSB nennt man die Spitzenleistung der Hüllkurve (PEP), nicht den Mittelwert.
  • Reflexionen an einer fehlangepassten Antenne verringern die abgestrahlte Leistung zusätzlich — sichtbar am Stehwellenverhältnis.

EIRP und ERP #

Eine Richtantenne strahlt nicht mehr Leistung ab, sondern verteilt dieselbe Leistung ungleich. Das Ergebnis beschreibt man als äquivalente Strahlungsleistung.

EIRP
Strahlungsleistung bezogen auf den Kugelstrahlerin W bzw. dBm
P
Speiseleistung an der Antennein W
G
Antennengewinn (isotroper Bezug)in dBi
Äquivalente isotrope Strahlungsleistung

Das EIRP beantwortet die Frage: Wie viel Leistung müsste ein Kugelstrahler abgeben, um in der Hauptstrahlrichtung dieselbe Leistungsdichte zu erzeugen? Das ERP stellt dieselbe Frage mit dem Halbwellendipol als Bezug. Weil der Dipol selbst schon 2,15 dBi Gewinn hat, ist der ERP-Wert stets 2,15 dB kleiner — ein Faktor 1,64 in der Leistung.

Effektive Strahlungsleistung

Leistungsdichte im Abstand d #

Im freien Raum verteilt sich die Leistung über eine Kugelfläche — das erklärt das Abstandsgesetz.

S
Leistungsdichtein W/m²
EIRP
Äquivalente isotrope Strahlungsleistungin W
d
Abstand zur Antenne (Fernfeld)in m
Leistungsdichte im Freiraum

Die Oberfläche einer Kugel wächst mit d², also sinkt die Leistungsdichte mit 1/d². Doppelter Abstand bedeutet ein Viertel der Leistungsdichte, also −6 dB; zehnfacher Abstand ein Hundertstel, also −20 dB. Genau dieser Term steckt auch in der Freiraumdämpfung.

Das folgende Widget macht das Abstandsgesetz sichtbar: Links laufen die Wellenfronten auf immer größere Kugelflächen hinaus, rechts fällt die Leistungsdichte im doppelt-logarithmischen Diagramm als Gerade — 20 dB je Abstandsdekade.

Kugelausbreitung: warum 1/d²

Kugelausbreitung bei den eingestellten Werten
Sendeleistung1,000 W
Antennengewinn0,0 dBi
EIRP1,00 W
Abstand d10,0 m
Kugelfläche 4π·d²1,26e+3 m²
Leistungsdichte S7,96e-4 W/m²
Feldstärke E0,548 V/m
Dichte bei halbem Abstand0,0032 W/m²
Verlust je Abstandsverdopplung6,02 dB
1,00 W
0,0 dBi
10,0 m
Leistungsdichte S = EIRP/(4π·d²)

7,96e-4 W/m²

Feldstärke E = √(S·Z₀)

0,548V/m

Kugelfläche 4π·d²

1,26e+3 m²

Abstand verdoppeln

-6,02 dB

Fläche mal vier, Dichte durch vier

Der Kugelradius im Bild wächst logarithmisch — schematisch, nicht maßstäblich. Es geht keine Leistung verloren, sie verteilt sich nur auf eine größere Fläche (ITU-R P.525).

Sendeleistung, EIRP und Feldstärke

Feldstärke und Pegel des eingestellten Arbeitspunkts
Sendeleistung10,000 W
Antennengewinn12,0 dBi
Abstand100 m
EIRP158,49 W (52,0 dBm)
ERP96,61 W (49,9 dBm)
Leistungsdichte1,2612 mW/m²
Feldstärke0,689 V/m · 116,8 dBµV/m
Magnetische Feldstärke1,830 mA/m
Feldstärke in 1 m156,8 dBµV/m
Feldstärke in 10 m136,8 dBµV/m
Feldstärke in 100 m116,8 dBµV/m
Feldstärke in 1 km96,8 dBµV/m
Feldstärke in 10 km76,8 dBµV/m
10,00 W
12,0 dBi
100 m
EIRP = P · G

158,49 W

= 52,0 dBm

ERP = EIRP / 1,64

96,61 W

2,15 dB unter dem EIRP

Leistungsdichte S

1,2612 mW/m²

Feldstärke E

0,689 V/m

= 116,8 dBµV/m

Freiraum im Fernfeld: S = EIRP/(4π·d²), E = √(S·Z₀) ≈ √(30·EIRP)/d, Z₀ = 376,73 Ω. Reflexionen, Bewuchs und Bodeneinfluss sind nicht enthalten.

Von der Leistungsdichte zur Feldstärke #

Messgeräte zeigen Feldstärken an, nicht Leistungsdichten. Der Feldwellenwiderstand verbindet beides.

E
Elektrische Feldstärke (Effektivwert)in V/m
S
Leistungsdichtein W/m²
Z₀
Feldwellenwiderstand des freien Raums (376,73 Ω)in Ω
P · G
EIRPin W
d
Abstandin m
Elektrische Feldstärke im Fernfeld
Feldstärkepegel

Beispiel: 10 W Speiseleistung an einer Antenne mit 8 dBi ergeben ein EIRP von 63,1 W (ERP 38,5 W). In 100 m Abstand sind das 0,502 mW/m² Leistungsdichte, 434,9 mV/m Feldstärke oder 112,8 dBµV/m.

Feldstärke der Beispielanlage (EIRP 63,1 W) über die Entfernung
AbstandFeldstärke EPegel
1 m43,492 V/m152,8 dBµV/m
10 m4,349 V/m132,8 dBµV/m
100 m0,435 V/m112,8 dBµV/m
1 km0,043 V/m92,8 dBµV/m
10 km4,3 mV/m72,8 dBµV/m

Jede Verzehnfachung des Abstands kostet genau 20 dB — die Feldstärke fällt mit 1/d, die Leistungsdichte mit 1/d². Wer das im Kopf hat, kann jede Feldstärkeangabe auf einen anderen Abstand umrechnen, ohne die Formel zu bemühen.

Empfangsleistung und Wirkfläche #

Eine Empfangsantenne „erntet" die Leistungsdichte über ihre Wirkfläche — daraus folgt unmittelbar die Freiraumdämpfung.

A_w
Wirkfläche (effektive Apertur) der Empfangsantennein m²
G
Gewinn der Empfangsantenne (Faktor)in —
λ
Wellenlängein m
P_rx
Verfügbare Empfangsleistungin W
Wirkfläche und Empfangsleistung

Bemerkenswert ist das λ² in der Wirkfläche: Bei gleichem Gewinn sammelt eine Antenne bei niedriger Frequenz mehr Leistung ein. Im Beispiel oben hat eine isotrope Empfangsantenne bei 900 MHz eine Wirkfläche von 88,3 cm² und nimmt damit 4,43 μW auf. Setzt man beide Gleichungen zusammen, entsteht die Friis-Übertragungsgleichung und mit ihr die Freiraumdämpfung.

Verständnisfrage: Warum steht in der Freiraumdämpfung ein Frequenzterm, obwohl der Raum die Welle doch gar nicht dämpft?

Weil nicht der Raum dämpft, sondern die Empfangsantenne kleiner wird: Ihre Wirkfläche geht mit λ². Bei gleichem Gewinn fängt sie bei doppelter Frequenz nur ein Viertel der Leistung auf — das sind die 20·log₁₀(f) in der FSPL-Formel.

Einordnung: Grenzwerte und Personenschutz #

Weil Hochfrequenz Gewebe erwärmt, sind Leistungsdichte und Feldstärke in der Umgebung von Sendeanlagen begrenzt. Die Grenzwerte sind frequenzabhängig und unterscheiden zwischen beruflich exponierten Personen und der Allgemeinbevölkerung.

  • ICNIRP-Leitlinien — international maßgebliche Empfehlung für elektromagnetische Felder von 100 kHz bis 300 GHz.
  • 26. BImSchV — die deutsche Verordnung über elektromagnetische Felder; setzt die ICNIRP-Referenzwerte in nationales Recht um.
  • Standortbescheinigung der Bundesnetzagentur — legt für ortsfeste Funkanlagen den einzuhaltenden Sicherheitsabstand fest.

Alle Größen dieses Kapitels tauchen im Link-Budget wieder auf — dort allerdings durchgehend in Dezibel, weil sich die Kette dann addieren lässt.

  1. Sendeleistung in dBm, vermindert um die Speiseverluste.
  2. Plus Antennengewinn in dBi — die Summe ist das EIRP.
  3. Minus Freiraumdämpfung und atmosphärische Zusatzdämpfung (das Abstandsgesetz in Dezibel).
  4. Plus Gewinn der Empfangsantenne (die Wirkfläche in Dezibel).
  5. Ergibt den Empfangspegel, der mit der Empfindlichkeit des Empfängers verglichen wird.

Quellen

  • Meinke, H.; Gundlach, F. W.: Taschenbuch der Hochfrequenztechnik — Strahlungsleistung, Leistungsdichte, Feldstärke.
  • Pozar, D. M.: Microwave Engineering — Friis-Gleichung, Wirkfläche, Antennengewinn.
  • IEEE Std 100 — Definitionen von EIRP, ERP und dBµV/m.
  • ITU-R V.574-5 — Gebrauch des Dezibels.
  • ICNIRP-Leitlinien und 26. BImSchV — Grenzwerte des Personenschutzes (nur als Verweis, keine Werte übernommen).