Wellenausbreitung

Funkwellen finden je nach Frequenz auf sehr unterschiedliche Weise vom Sender zum Empfänger: als Bodenwelle entlang der Erdoberfläche, als Raumwelle über die Ionosphäre oder auf Sichtverbindung bis zum Radiohorizont. Dieses Kapitel zeigt die Mechanismen – mit Reglern für Frequenz, Antennenhöhe, Fresnel-Zone und Atmosphäre.

Quellen: ITU-R P.526, P.530, P.676, P.834, P.1239

Lernziele

  • Bodenwelle, Raumwelle und Sichtverbindung dem jeweils passenden Frequenzbereich zuordnen
  • den Radiohorizont aus der Antennenhöhe berechnen und die Wirkung des 4/3-Erde-Modells erklären
  • die erste Fresnel-Zone berechnen und die 60-%-Regel für Richtfunkstrecken anwenden
  • MUF, LUF, kritische Frequenz und tote Zone der Kurzwellenausbreitung erklären
  • die atmosphärischen Fenster und Resonanzen im Mikrowellenbereich benennen

Ausbreitungsmodi im Überblick #

Das interaktive Diagramm zeigt, wie Ionosphäre, Tageszeit und Frequenz die Ausbreitung bestimmen.

Wellenausbreitung

Vier Ausbreitungswege im Vergleich

Ausbreitungsmodus

Alle Ionosphärenschichten aktiv

30 kHz bis 3 GHz

Raumwelle Sky Wave
Frequenzbereich
3,00 MHz – 30,00 MHz
Typische Reichweite
500 – 20.000 km
  • Multi-Hop-Ausbreitung möglic…
  • Beeinflusst durch Sonnenakti…
  • Tote Zone zwischen Bodenwell…
Eigenschaften des gewählten Modus
ModusRaumwelle
Frequenzbereich3000000 bis 30000000 Hz
Typische Reichweite500 bis 20000 km
TageszeitTag
Eingestellte Frequenz14,000 MHz
Bodenwellenreichweite14 km
Sprungdistanz (foF2 8,4 MHz, 250 km)692 km
Tote Zone14 bis 692 km
Radiohorizont (30 m und 10 m)35,6 km
Schichthöhen nach ITU-R P.1239 und P.533. Entfernungen aus dem Ausbreitungsmodell: Sprungdistanz nach dem Sekantengesetz im sphärischen Spiegelmodell (Davies, Ionospheric Radio, §6), Radiohorizont nach ITU-R P.834 für 30 m und 10 m Antennenhöhe, Bodenwellenreichweite als Faustregel nach ITU-R P.368. Die Höhenachse ist gegenüber der Entfernungsachse stark überhöht.
  • Bodenwelle

    Ground Wave · 30 kHz – 3 MHz

    Folgt der gekrümmten Erdoberfläche durch Beugung. Zuverlässig bei Tag und Nacht, Reichweite abhängig von Frequenz und Bodenleitfähigkeit.

    Reichweite
    30 – 300 km
  • Raumwelle

    Sky Wave · 3 – 30 MHz

    Wird an den ionosphärischen Schichten reflektiert und erlaubt über Mehrfachsprünge weltweite Verbindungen.

    Sprung
    bis 4.000 km
  • Sichtverbindung

    Line-of-Sight · > 30 MHz

    Die Welle durchdringt die Ionosphäre; die Reichweite ist durch den Radiohorizont begrenzt – ähnlich wie beim Licht.

    Formel
    d = √(2·k·R·h)

Bodenwelle #

Bei Lang- und Mittelwelle kriecht die Welle an der Erdoberfläche entlang; der Boden ist Teil des Wellenleiters.

  • Die Dämpfung steigt mit der Frequenz und sinkt mit der Bodenleitfähigkeit – Seewasser (4 S/m) ist der beste, trockener Fels der schlechteste Untergrund.
  • Vertikale Polarisation ist Pflicht: Horizontal polarisierte Felder werden vom leitenden Boden kurzgeschlossen.
  • Typische Reichweiten: einige hundert Kilometer bei Langwelle, unter 100 km bei oberer Mittelwelle.

Raumwelle und Ionosphäre #

Kurzwellen werden in 100–400 km Höhe an ionisierten Schichten „reflektiert" – tatsächlich kontinuierlich gebrochen, bis sie zur Erde zurückkehren.

f_p
Plasmafrequenzin Hz
N_e
Elektronendichtein e⁻/m³
Plasmafrequenz; für N_e = 10¹² e⁻/m³ ergibt sich f_p ≈ 9 MHz
foF2
Kritische Frequenz der F2-Schicht (senkrechter Einfall)in MHz
φ
Einfallswinkel an der Schicht
Sekantengesetz; für 3.000 km ist der Faktor ≈ 3,28, also foF2 = 5 MHz → MUF ≈ 16,4 MHz
MUF
Maximum Usable Frequency – die höchste Frequenz, die für eine gegebene Strecke noch reflektiert wird. Steigt mit Sonnenaktivität und Streckenlänge.
LUF
Lowest Usable Frequency – darunter frisst die D-Schicht-Absorption das Signal. Hängt von Sendeleistung und Tageszeit ab.
Tote Zone
Bereich zwischen dem Ende der Bodenwelle und dem Auftreffpunkt der ersten Raumwelle, in dem kein Empfang möglich ist.
Sonnenzyklus
Der 11-jährige Sonnenfleckenzyklus verschiebt die MUF um den Faktor zwei bis drei.

Ausbreitungs-Sandkasten

Aktuelle Werte des Ausbreitungs-Sandkastens
Frequenz7,10 MHz – Raumwelle
Radiohorizont Sender / Empfänger22,6 km / 13,0 km
Maximale Sichtverbindung35,6 km
Bodenwelle (Faustregel)20 km
Sprungdistanz0 km
MUF (3000 km)29,4 MHz
7,10 MHz
30 m
10 m
Dominierender Modus: Raumwelle
Radiohorizont (Sender + Empfänger)

35,6km

22,6 + 13,0 km

Sprungdistanz

0km

Tote Zone

—

MUF für 3000 km

29,4MHz

Radiohorizont d = √(2·k·R·h) mit k = 4/3; Sprungdistanz und MUF nach dem Sekantengesetz (Spiegelmodell, h = 250 km, foF2 = 8,4 MHz). Bodenwellenreichweite nur als Faustregel; Höhen stark überhöht.

Die Schichten D, E, F1 und F2, ihr Tag-Nacht-Verhalten und die Sonnenaktivität sind im Kapitel Ionosphärische Ausbreitung im Detail beschrieben.

Sichtverbindung und Radiohorizont #

Ab VHF durchdringen Wellen die Ionosphäre; es zählt die quasi-optische Sicht zwischen den Antennen.

d
Distanz zum Horizontin km
k
Refraktionsfaktor ≈ 4/3
R
Erdradius ≈ 6.371 km
h
Antennenhöhein km
Radiohorizont; Beispiel h = 100 m → d ≈ 41 km

Freie Sicht allein reicht nicht: Die Welle braucht Platz um die Sichtlinie herum. Die erste Fresnel-Zone ist das Ellipsoid, innerhalb dessen Umwege höchstens λ/2 länger sind als der direkte Weg. Nach ITU-R P.530 sollten mindestens 60% ihres Radius frei bleiben, sonst dämpft Beugung am Hindernis die Verbindung.

Radius der ersten Fresnel-Zone im Abstand d₁ vom Sender und d₂ vom Empfänger

Fresnel-Zone und Hindernis

Aktuelle Werte des Fresnel-Widgets
Streckenlänge10,0 km
Frequenz5,80 GHz
Radius 1. Fresnel-Zone am Hindernis11,37 m
Freier Anteil88% – frei (≥ 60 %)
Zusatzdämpfung0,0 dB
10,0 km
5,80 GHz
20 m
10 m
50%
r₁ am Hindernis

11,37 m

Freier Anteil von r₁

88%

frei (≥ 60 %)

Zusatzdämpfung (Knife-Edge)

0,0dB

r₁ = √(λ·d₁·d₂/(d₁+d₂)); Freihaltung nach ITU-R P.530 ≥ 60 % von r₁. Zusatzdämpfung als Knife-Edge-Näherung nach ITU-R P.526 (Höhen überhöht dargestellt).

Mehrwegeausbreitung: der Boden strahlt zurück #

Über ebenem Gelände erreicht den Empfänger nicht nur die direkte Welle, sondern auch die am Boden reflektierte — beide addieren sich mit ihrer Phase.

Die reflektierte Welle legt einen längeren Weg zurück; der Unterschied Δ erzeugt eine Phasendifferenz Δφ = 2π·Δ/λ. Bei streifendem Einfall dreht die Reflexion die Phase zusätzlich um 180°, sodass sich beide Wellen in Bodennähe fast auslöschen. Mit wachsendem Abstand wechseln sich deshalb Pegelgipfel (bis zu 6 dB über dem Freiraumwert) und tiefe Einbrüche ab — der klassische Mehrwegeschwund.

L
Pfaddämpfungin dB
d
Abstand der Antennenin m
h_t
Höhe der Sendeantennein m
h_r
Höhe der Empfangsantennein m
Zweiwege-Dämpfung jenseits der Bruchdistanz d_b = 4·h_t·h_r/λ

Jenseits der Bruchdistanz d_b = 4·h_t·h_r/λ gibt es keinen Einbruch mehr, und der Pegel fällt mit d⁴ statt mit d² — statt 20 dB je Abstandsdekade sind es 40 dB. Genau dieser Knick begrenzt die Zellgröße im Mobilfunk. Das folgende Widget zeigt beides: den Seitenriss der beiden Wege und die Dämpfungskurve mit Gipfeln, Einbrüchen und Bruchdistanz.

Zweiwege-Ausbreitung und Mehrwegeschwund

Zweiwege-Ausbreitung bei den eingestellten Werten
Frequenz900,00 MHz (λ = 33,310 cm)
Antennenhöhen30 m / 3 m
Abstand d1 km
Direkter Weg1,00 km
Reflektierter Weg1,00 km
Laufwegunterschied Δ17,992 cm
Phasendifferenz Δφ194,4°
Freiraumdämpfung91,5 dB
Gesamtdämpfung85,6 dB
Abweichung vom Freiraum+6,0 dB
Bruchdistanz d_b1 km
30 m
3,0 m
900,00 MHz
1 km
Abweichung vom Freiraum

+6,0 dB

20·log₁₀|1 + Γ·e^(−jΔφ)|

Gesamtdämpfung

85,6 dB

Bruchdistanz d_b = 4·h_t·h_r/λ

1 km

davor: Gipfel und Einbrüche

Laufwegunterschied Δ

17,992 cm

Seitenriss schematisch, Höhen stark überhöht. Reflexionsfaktor Γ = −1 (streifender Einfall, gut leitender Boden); Modell nach Rappaport, Wireless Communications, Abschnitt 4.6.

Atmosphärische Dämpfung im Mikrowellenbereich #

Oberhalb von etwa 10 GHz absorbieren Wasserdampf und Sauerstoff Funkwellen bei bestimmten Resonanzfrequenzen – dazwischen liegen die „Fenster".

  • 22 GHz: Rotationsübergang des Wasserdampfs – schwach, aber feuchteabhängig.
  • 60 GHz: Sauerstoff-Absorptionsband (50–70 GHz) mit über 10 dB/km – ideal für kurze, abhörsichere Links (WiGig).
  • 118 GHz und 183 GHz: weitere O₂- bzw. H₂O-Resonanzen.
  • Fenster um 35 GHz (Ka-Band) und 94 GHz (W-Band) werden für Radar, Satellitenfunk und Radioastronomie genutzt.

Atmosphärische Fenster

Dämpfung an den markierten Frequenzen bei 7,5 g/m³ Wasserdampf
FrequenzArtDämpfung
H₂O 22 GHzResonanz0,189 dB/km
O₂ 60 GHzResonanz14,5 dB/km
O₂ 119 GHzResonanz1,79 dB/km
H₂O 183 GHzResonanz24,8 dB/km
H₂O 325 GHzResonanz34,8 dB/km
Ka-Fenster 35 GHzFenster0,1000 dB/km
W-Fenster 94 GHzFenster0,411 dB/km
Fenster 140 GHzFenster0,903 dB/km
Fenster 220 GHzFenster2,47 dB/km
60,0 GHz

Auch per Zeiger direkt im Diagramm

7,5 g/m³
γ bei 59,8 GHz

14,5 dB/km

Sauerstoff

14,3 dB/km

Wasserdampf

0,153 dB/km

auf 10 km Strecke

144,55dB

Gasdämpfung nach ITU-R P.676-13 bei 1013,25 hPa und 15 °C. Regen, Nebel und Schnee sind hier nicht enthalten.

Regen, Nebel und Schnee kommen als eigene Beiträge dazu – siehe Atmosphärische Dämpfung.

Sporadische E-Schicht #

Temporäre, stark ionisierte Wolken in etwa 100 km Höhe reflektieren VHF-Signale und sorgen für unerwartete Überreichweiten.

  • Sporadic E (Es)

    30 – 150 MHz · 500 – 2300 km

    • Saison Mai bis August auf der Nordhalbkugel
    • Metallionen aus verglühenden Meteoren und Windscherungen
    • Nicht vorhersagbar, aber statistisch gut erfasst
  • Troposcatter

    UHF/SHF · 100 – 500 km

    • Streuung an Brechungsindex-Inhomogenitäten der Troposphäre
    • Hohe Leistung und große Antennen nötig
    • Historisch für Richtfunk über den Horizont

Frequenzbänder und Ausbreitung #

Jedes Band hat charakteristische Ausbreitungseigenschaften, die sich zwischen Tag und Nacht deutlich unterscheiden.

Quelle: FREQUENCY_BAND_PROPAGATION
BandFrequenzWellenlängePrimäre ModiTagNacht
Langwelle (LW)
Low Frequency (LF)
30 kHz – 300 kHz1-10 kmBodenwelleBodenwelle dominiert, D-Schicht absorbiert Raumwelle vollständigFernempfang möglich durch Raumwelle, Interferenzen (Fading)
Mittelwelle (MW)
Medium Frequency (MF)
300 kHz – 3 MHz100-1000 mBodenwelle, RaumwelleBodenwelle bis ~300 km, D-Schicht dämpft Raumwelle starkReichweite > 1000 km durch Raumwelle, Nahschwund möglich
Kurzwelle (KW)
High Frequency (HF)
3 MHz – 30 MHz10-100 mRaumwelle, BodenwelleHöhere Frequenzen (10-30 MHz) besser, D-Schicht-Absorption bei niedrigen fNiedrigere Frequenzen (3-10 MHz) besser, F-Schichten verschmelzen
Ultrakurzwelle (UKW)
Very High Frequency (VHF)
30 MHz – 300 MHz1-10 mSichtverbindung, Sporadic ESichtverbindung, begrenzt durch RadiohorizontGleich wie am Tag, keine ionosphärische Reflexion
Dezimeterwelle
Ultra High Frequency (UHF)
300 MHz – 3 GHz10 cm - 1 mSichtverbindungQuasi-optische Ausbreitung, Beugung an HindernissenGleich wie am Tag
Zentimeterwelle
Super High Frequency (SHF)
3 GHz – 30 GHz1-10 cmSichtverbindungReine Sichtverbindung, empfindlich auf RegenGleich wie am Tag

Tag- und Nachtverhalten #

Die Ionisation folgt der Sonne – und mit ihr das gesamte Kurzwellenverhalten.

  • Tag

    • D-Schicht aktiv: absorbiert niedrige HF-Frequenzen
    • E-Schicht stark: reflektiert MF und untere HF
    • F1-Schicht vorhanden: separate Reflexionsschicht
    • F2-Schicht hoch: beste Reflexion für obere HF
    • Höhere MUF durch stärkere Ionisation
  • Nacht

    • D-Schicht verschwindet: weniger Absorption
    • E-Schicht schwächer: löst sich teilweise auf
    • F1 und F2 verschmelzen zur F-Region
    • Niedrigere MUF durch schwächere Ionisation
    • Besserer MW/LW-Fernempfang
Verständnisfrage: Warum ist ein Mittelwellensender aus 800 km Entfernung nachts hörbar, tagsüber aber nicht?

Tagsüber absorbiert die D-Schicht die Raumwelle der Mittelwelle nahezu vollständig – es bleibt nur die Bodenwelle mit wenigen hundert Kilometern Reichweite. Nachts verschwindet die D-Schicht, die Raumwelle erreicht die E-/F-Schicht und wird reflektiert: Fernempfang wird möglich, allerdings mit Schwund (Fading), wenn Boden- und Raumwelle interferieren.

Quellen

  • ITU-R P.526 (Beugung), P.530 (Richtfunk, Fresnel-Freihaltung), P.676 (Gasdämpfung), P.834 (Refraktion), P.1239 (Ionosphäre).
  • K. Davies, Ionospheric Radio, IET 1990 – Sekantengesetz und Sprungdistanz.
  • K. Rothammel, Antennenbuch – Ausbreitungsmodi und Bodenwelle.