Radar-Grundlagen

Ein Radar sendet elektromagnetische Energie aus und wertet aus, was zurückkommt. Dieses Unterkapitel klärt die vier Größen, die alles Weitere tragen: Laufzeit, Leistungsbilanz, Rückstreuquerschnitt und die Grenzen von Auflösung und Eindeutigkeit.

Quelle: Skolnik, Introduction to Radar Systems · Rechner: Radar-Reichweite

Lernziele

  • aus der Laufzeit eines Echos die Zielentfernung bestimmen
  • die Radargleichung lesen und begründen, warum die Reichweite nur mit der vierten Wurzel der Sendeleistung wächst
  • den Radarquerschnitt σ einordnen – vom Insekt bis zum Containerschiff – und seine Wirkung auf die Reichweite abschätzen
  • Auflösung (c·τ/2) und Eindeutigkeit (c/(2·PRF), λ·PRF/4) auseinanderhalten und das PRF-Dilemma erklären
  • ein Radarband nach IEEE Std 521 benennen und seiner typischen Aufgabe zuordnen

Grundprinzip: Impuls, Echo, Laufzeit #

Ein Radar sendet elektromagnetische Impulse aus; Ziele reflektieren sie, und aus der Laufzeit des Echos folgt die Entfernung.

Weil die Welle den Weg zum Ziel zweimal zurücklegt, gilt für die Laufzeit t = 2R/c. Für ein Ziel in 150 km Entfernung sind das gerade einmal 1.001 µs – Radarelektronik arbeitet daher im Mikrosekundenbereich.

R
Entfernung zum Zielin m
c
Lichtgeschwindigkeitin m/s
t
Laufzeit hin und zurückin s
Entfernung aus der Echolaufzeit
  • Pulsradar

    Sendet kurze Impulse der Dauer τ und misst die Laufzeit des Echos. Die Pause zwischen zwei Impulsen (PRI = 1/PRF) legt fest, bis zu welcher Entfernung ein Echo eindeutig zugeordnet werden kann.

    Auflösung
    ΔR = c·τ/2
    Eindeutig bis
    R_u = c/(2·PRF)
  • Dauerstrichradar (CW)

    Sendet kontinuierlich und nutzt den Doppler-Effekt zur Geschwindigkeitsmessung. Ohne Modulation ist keine Entfernungsmessung möglich – die Verfahren dazu stehen im Unterkapitel Radarverfahren.

    Messgröße
    f_d = 2·v·f/c

Impuls, Laufzeit und Eindeutigkeit

Aktuelle Werte des Radar-Impuls-Widgets
Zielentfernung30,0 km
Impulsdauer1,0 µs
PRF1.000 Hz
Laufzeit200,1 µs
Entfernungsauflösung149,9 m
Eindeutige Entfernung149,9 km
30,0 km
1,0 µs
1.000 Hz
Laufzeit 2R/c

200,1µs

Auflösung c·τ/2

149,9 m

Eindeutig bis c/(2·PRF)

149,9 km

Animation stark verlangsamt: ein Durchlauf entspricht zwei Pulswiederholintervallen. ΔR = c·τ/2, R_u = c/(2·PRF), t = 2R/c.

Verständnisfrage: Ein Radar sieht ein Ziel 400 µs nach dem Sendeimpuls. Wie weit ist es entfernt?

Rund 60 km. Aus R = c·t/2 folgt R = 299 792 458 m/s · 400 µs / 2 ≈ 59,96 km. Als Faustformel: 150 m je Mikrosekunde Laufzeit – oder umgekehrt 6,67 µs je Kilometer.

Radargleichung #

Die Radargleichung ist die Leistungsbilanz zwischen Sender, Ziel und Empfänger und bestimmt die maximale Reichweite.

P_r
Empfangsleistungin W
P_t
Sendeleistungin W
G
Antennengewinn (linear, Sende- = Empfangsantenne)
λ
Wellenlängein m
σ
Radarquerschnitt (RCS)in m²
R
Entfernung zum Zielin m
L
Systemverluste (linear, ≥ 1)
Empfangsleistung eines monostatischen Radars

Die Herleitung ist eine Kette aus Kugelwellen: Die Leistungsdichte am Ziel beträgt S₁ = P_t·G/(4π·R²). Das Ziel streut die Leistung S₁·σ zurück, am Radar kommt die Dichte S₂ = S₁·σ/(4π·R²) an, und die Antenne fängt davon die effektive Fläche A_e = G·λ²/(4π) ein. Zweimal 1/R² ergibt das berühmte R⁴-Gesetz.

Maximale Reichweite für die minimal detektierbare Leistung P_min
  • Die Empfangsleistung sinkt mit der vierten Potenz der Entfernung.
  • Doppelte Reichweite erfordert 16-fache Sendeleistung (+12 dB) – oder 16-fachen Radarquerschnitt.
  • Der Antennengewinn wirkt quadratisch, weil dieselbe Antenne sendet und empfängt.
  • Systemverluste L (typisch 3–10 dB) stehen im Nenner und verkürzen die Reichweite spürbar.
  • Beim Sekundärradar gilt das nicht: dort läuft jede Richtung nur einmal, also mit 1/R² – siehe Sekundärradar.

Wie flach die vierte Wurzel wirklich ist, zeigt die Kurve: Verschiebe die Sendeleistung über drei Zehnerpotenzen und beobachte, wie wenig sich die Reichweite bewegt – und wie viel stärker Antennengewinn und Radarquerschnitt durchschlagen.

Radargleichung: Reichweite über Sendeleistung

Aktuelle Werte der Radargleichung
Sendeleistung P_t1 MW
Antennengewinn G33 dBi
Radarquerschnitt σ1 m²
Empfindlichkeit P_min-110 dBm
Wellenlänge λ10,7 cm
Maximale Reichweite R_max155,0 km
Empfangsleistung bei R_max-110,0 dBm
Empfangsleistung bei R_max/2-98,0 dBm
1 MW
33 dBi
1 m²
-110 dBm
Maximale Reichweite R_max

155,0 km

Für doppelte Reichweite nötig

16 MW

16-fache Leistung (+12 dB)

Probe: P_r bei R_max

-110,0 dBm

auf halber Strecke -98,0 dBm — 12 dB mehr

Gerechnet für 2,8 GHz (S-Band, IEEE Std 521), Systemverluste L = 6 dB. R_max = ⁴√(P_t·G²·λ²·σ / ((4π)³·P_min·L)) nach Skolnik, Gl. 1.7.

Radarquerschnitt (RCS) #

Der Radarquerschnitt σ beschreibt, wie stark ein Objekt Radarwellen zum Sender zurückstreut. Er hat die Einheit m², ist aber keine geometrische Fläche.

  • Größe: Größere Objekte haben tendenziell einen höheren RCS.
  • Form: Ebene Flächen senkrecht zum Radar reflektieren stark, runde und schräge Formen streuen die Energie weg.
  • Material: Metall reflektiert stark, Verbundwerkstoffe und absorbierende Beschichtungen weniger.
  • Aspektwinkel: Der RCS ändert sich mit der Blickrichtung oft um Größenordnungen.
  • Frequenz: Ob ein Objekt groß oder klein gegenüber λ ist, entscheidet über den Streumechanismus (Rayleigh-, Resonanz-, optischer Bereich).
  • Stealth: Formgebung und Absorber drücken den RCS eines Kampfflugzeugs von einigen m² auf wenige hundertstel m².

Radarquerschnitt im Vergleich

Balkendiagramm der typischen Radarquerschnitte vom Insekt bis zum Schiff auf logarithmischer Skala; das gewählte Objekt bestimmt die relative Reichweite.

10⁻⁵ m²10⁻³ m²10⁻¹ m²10¹ m²10³ m²10⁵ m²Insekt10,0 mm²Stealth-Jet50,0 cm²Vogel100,0 cm²Drohne (klein)1.000,0 cm²Mensch1 m²Kleinflugzeug2 m²Kampfjet (konventionell)5 m²PKW100 m²Verkehrsflugzeug100 m²LKW200 m²Schiff (klein)1.000 m²Schiff (groß)10.000 m²
Radarquerschnitte der Referenzobjekte
ObjektRCSdBsm
Insekt10,0 mm²-50,0
Stealth-Jet50,0 cm²-23,0
Vogel100,0 cm²-20,0
Drohne (klein)1.000,0 cm²-10,0
Mensch1 m²0,0
Kleinflugzeug2 m²3,0
Kampfjet (konventionell)5 m²7,0
PKW100 m²20,0
Verkehrsflugzeug100 m²20,0
LKW200 m²23,0
Schiff (klein)1.000 m²30,0
Schiff (groß)10.000 m²40,0
Gewählt: PKW

100 m²

20,0 dBsm

Mittelklasse: ca. 100 m²

Reichweite relativ zu Mensch

316%

Faktor 3,16 = (σ/σ_ref)^¼

Quelle der Werte: Skolnik, Introduction to Radar Systems, Tab. 2.2. Reichweite bei sonst gleichem Radar: R ∝ σ^¼ (aus der Radargleichung).

Typische Radarquerschnitte nach Skolnik, Tab. 2.2 (Quelle: RCS_REFERENCE)
ObjektσGrößenordnungHinweis
Insekt10⁻⁵ m²10,0 mm²ca. 10⁻⁵ m²
Vogel10⁻² m²100,0 cm²Möwe, Taube: 0,001–0,01 m²
Stealth-Jet5·10⁻³ m²50,0 cm²Öffentliche Schätzungen 0,001–0,01 m²
Drohne (klein)10⁻¹ m²1.000,0 cm²Quadrocopter: 0,01–0,1 m²
Mensch10⁰ m²1 m²Typisch 0,5–1 m²
Kleinflugzeug2·10⁰ m²2 m²Cessna-Klasse: 1–2 m²
Kampfjet (konventionell)5·10⁰ m²5 m²2–6 m²
PKW10² m²100 m²Mittelklasse: ca. 100 m²
Verkehrsflugzeug10² m²100 m²Boeing 737: 20–100 m²
LKW2·10² m²200 m²ca. 200 m²
Schiff (klein)10³ m²1.000 m²Kutter, Segelboot mit Reflektor
Schiff (groß)10⁴ m²10.000 m²Containerschiff: ≥ 10⁴ m²

Auflösung und Mehrdeutigkeit #

Zwei verschiedene Fragen: Wie nah dürfen sich zwei Ziele kommen, bevor sie verschmelzen (Auflösung)? Und ab wann ordnet das Radar einen Messwert der falschen Periode zu (Mehrdeutigkeit)?

Entfernungsauflösung ΔR = c·τ/2
Zwei Ziele werden getrennt, wenn ihre Echos einander nicht überlappen. Ein Impuls von 1 µs liefert 150 m. Mit Pulskompression tritt an die Stelle der Sendedauer die Bandbreite: ΔR = c/(2·B).
Winkelauflösung
Sie folgt der Halbwertsbreite der Antenne: Zwei Ziele in gleicher Entfernung trennen sich erst, wenn sie weiter als eine Keulenbreite auseinanderliegen. Quer zur Blickrichtung wächst der Fehler linear mit der Entfernung.
Eindeutige Entfernung R_u = c/(2·PRF)
Trifft ein Echo erst nach dem nächsten Sendeimpuls ein, ordnet der Empfänger es diesem zu und zeigt eine zu kleine Entfernung. Bei 1 kHz endet die Eindeutigkeit bei 149,9 km.
Eindeutige Geschwindigkeit ±v_u = λ·PRF/4
Die Doppler-Frequenz wird nur einmal je Impuls abgetastet. Über ±v_u hinaus faltet sich die Messung zurück – die erste Blindgeschwindigkeit liegt bei λ·PRF/2.
Blindbereich
Während der Sendedauer ist der Empfänger abgeschaltet. Ziele näher als c·τ/2 bleiben unsichtbar; bei langen Impulsen deckt ein zusätzlicher kurzer Impuls den Nahbereich ab.
Das PRF-Dilemma: Eindeutigkeitsgrenzen über der Pulswiederholfrequenz (gerechnet für 10 GHz, λ = 3 cm)
PRFEindeutige Entfernung R_uEindeutige GeschwindigkeitTypische Verwendung
250 Hz600 km± 1,9 m/sWeitreichende Überwachung, Geschwindigkeit stark mehrdeutig
1.000 Hz150 km± 7,5 m/sFlugsicherung: Entfernung eindeutig, Doppler begrenzt
4.000 Hz37 km± 30,0 m/sMittlere PRF: beides mehrdeutig, beides auflösbar
12.000 Hz12 km± 89,9 m/sHohe PRF: Doppler eindeutig, Entfernung stark mehrdeutig
Verständnisfrage: Warum kann ein Radar mit hoher PRF zwar Geschwindigkeiten gut messen, aber weit entfernte Ziele falsch einordnen?

Eine hohe PRF verkürzt das Pulswiederholintervall. Trifft das Echo eines fernen Ziels erst nach dem nächsten Sendeimpuls ein, ordnet der Empfänger es diesem zu und zeigt eine zu kleine Entfernung („Entfernungsmehrdeutigkeit"). Gleichzeitig steigt mit der PRF die eindeutig messbare Doppler-Frequenz – Radare wählen daher je nach Aufgabe eine niedrige, mittlere oder hohe PRF.

Radarbänder (IEEE) #

Die IEEE-Bandbezeichnungen sind der internationale Standard für Radarfrequenzbänder; jedes Band hat charakteristische Eigenschaften und typische Anwendungen.

Radarbänder nach IEEE Std 521 (Frequenzgrenzen aus IEEE_BANDS)
BandFrequenzTypische Anwendungen
L-Band1 GHz – 2 GHzFlugsicherung (ATC), Langstrecken-Überwachung, Wetterradar
S-Band2 GHz – 4 GHzFlughafenradar, Wetterradar, Schiffsradar
C-Band4 GHz – 8 GHzWetterradar, Satellitenradar, Schiffsnavigation
X-Band8 GHz – 12 GHzMarine-Radar, Feuerleitung, Wetterradar
Ku-Band12 GHz – 18 GHzHochauflösende Kartierung, Satelliten-TV
K-Band18 GHz – 27 GHzPolizei-Radar, Verkehrsüberwachung
Ka-Band27 GHz – 40 GHzPolizei-Radar, Flughafen-Oberflächenradar
V-Band40 GHz – 75 GHzMillimeterwellen-Radar, Forschung
W-Band75 GHz – 110 GHzAutomotive-Radar (77 GHz), Objekterkennung

Tiefe Bänder reichen weit und durchdringen Niederschlag, hohe Bänder liefern kleine Antennen, schmale Keulen und viel Bandbreite – und damit feine Auflösung. Die vollständige Übersicht aller Bandsysteme (ITU, IEEE, NATO) steht in der Frequenzband-Datenbank.

Quellen

  • M. I. Skolnik, Introduction to Radar Systems, 3. Aufl., McGraw-Hill 2001 – Radargleichung (Gl. 1.7), RCS-Tabelle 2.2, Auflösung und Eindeutigkeit (Kap. 1 und 2).
  • IEEE Std 521-2002, Standard Letter Designations for Radar-Frequency Bands.